Die Reform der Braille-Chemieschrift
ist abgeschlossen
Im Jahr 2004, in dem wir des Beginnes der institutionellen Blindenbildung im deutschen Sprachraum mit der Gründung des Wiener Blindeninstitutes durch Johann Wilhelm Klein gedenken, kommt die Reform der Braille-Chemieschrift nach vier Jahren harter Arbeit zum Abschluss. Als Vorsitzender der Österreichischen Brailleschriftkommission bin ich als einziger Vertreter Österreichs am Reformprozess der Brailleschriftsysteme nach der Rechtschreibreform 1997 beteiligt.
Eine Reform der Braille-Chemieschrift wäre wegen der Rechtschreibreform natürlich nicht notwendig geworden, aber andere gravierende Gründe ließen ein Nachdenken über die weitere Entwicklung dieser Spezialschrift innerhalb der Brailleschrift notwendig werden. Die ersten Ansätze, Schreibweisen für chemische Sachverhalte im deutschen Sprachraum zu entwickeln und zu standardisieren stammen bereits aus dem Jahre 1916. Knapp vor dem Zweiten Weltkrieg herrschte zwischen mehreren europäischen Ländern gewisse Einigung darüber, wie man mathematische und naturwissenschaftliche Formeln in Braille darstellen könnte. Leider haben sich nach dem Krieg die Schreibweisen auseinander entwickelt. Durch die Spaltung Deutschlands war auch dort keine Einheitlichkeit mehr gegeben. Die Notwendigkeit, neue chemische Erkenntnisse auch in Braille darzustellen, führte sogar im Westen Deutschlands zu unterschiedlichen Schriften in Spezialschulen und in Medienzentren, welche Materialien für Schülerinnen und Schüler an Regelschulen produzieren.
Von einer Tagung der AG Braille im Verein der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen in Leipzig ging die Anregung aus, einen Versuch der Vereinheitlichung und Reform der Schrift zu unternehmen. Im Nachhinein betrachtet kann ich sagen, dass die aus ca. 10 Personen bestehende Arbeitsgruppe so zusammengesetzt war, dass gute Ergebnisse erreicht werden konnten: Blinde, sehbehinderte und sehende Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die aus Universitäten, Schulen, Blindendruckverlagen und Medienzentren kamen, garantierten eine breite Streuung des Wissens und der Bedürfnisse. Es bedurfte einer gewissen Zeit, um in bestimmten Bereichen gemeinsame Nenner zu finden, aber immer war der Wille zur Vereinheitlichung und zur Reform da!
Es zeigte sich bald, dass die neue Chemieschrift in ihrer schriftlichen Darstellung einen wesentlich größeren Raum einnehmen würde als bisher, wo sie ein Anhängsel der Systematik der Mathematikschrift war. Erstmals ist die Chemieschrift nun ein eigenständiger Teil der Systematiken der Brailleschrift. Bei der Reform war zu bedenken, dass einerseits auf die Reform der Brailleschrift („Basisschrift�, „Vollschrift� und „Kurzschrift�) Rücksicht genommen werden musste, andererseits sollten die Schreibweisen so wenig wie möglich von der Mathematikschrift abweichen, denn vieles bei Formeln und bei Hoch- und Tiefstellung von Zeichen ist ähnlich zu regeln wie in der Mathematikschrift.
Vielleicht fragen sich manche Leserinnen und Leser, wie man überhaupt Darstellungsweisen, die nicht linear sind, in Braille übertragen kann. Bei der Reform der Chemieschrift sind wir hier einen salomonischen Weg gegangen, indem mehrere Darstellungsformen zulässig sind. In der Strukturschreibweise werden Chemische Sachverhalte auch in Braille auf dem Blatt flächig angeordnet. Besonders gut lassen sich so Bindungen zwischen Elementen verdeutlichen. Wird jedoch die Struktur komplexer, hilft allenfalls eine Schwarz/Weiß-Zeichnung, die über Schwellpapier tastbar gemacht werden kann. Werden die Strukturen jedoch noch komplexer, muss, wie in der Mathematikschrift, zu linearer Schreibweise gegriffen werden.
Wir haben die Chemieschriften anderer Länder studiert, von den USA bis Russland und Israel, aber wir haben nirgends restlos befriedigende Lösungen gefunden.
Besonders die Darstellung von Ringsystemen hat unseren kreativen Ehrgeiz geweckt und es ist uns nach vielen Diskussionen und Experimenten gelungen eine Schreibweise zu entwickeln, von der wir glauben, dass sie zur Darstellung dieser chemischen Sachverhalte geeignet ist. Ersparen Sie mir bitte, auf Details einzugehen. Wer sich für derlei schwierige Dinge interessiert, dem bleibt nichts übrig, als die Systematik der Chemieschrift, die in Schwarzdruck und in Braille zunächst bei der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg erscheint, zur Hand zu nehmen und zu studieren.
Ich bin sehr stolz auf dieses Reformprojekt, weil es einerseits zur Vereinheitlichung eines Braille-Spezialschriftsystems im deutschen Sprachraum beigetragen hat und weil es andererseits den neuen Anforderungen bei der Darstellung chemischer Formeln und Vorgänge Rechnung trägt.
Als Vorsitzender der Österreichischen Brailleschriftkommission werde ich selbstverständlich auch weiterhin die Entwicklungen auf dem Gebiet der Brailleschrift genau beobachten und mich Reformprozessen nicht verschließen. Für Rückfragen zur Chemieschrift, aber auch zu anderen Spezialschriften innerhalb der Brailleschrift stehe ich gerne zur Verfügung:
Prof. Erich Schmid
Bundes-Blindenerziehungsinstitut
Wittelsbachstraße 5
1020 Wien
Tel.: +43 664 4352538
E-Mail: Erich.Schmid@BBI.AT
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