Aspekte des Sehens - Teil 2 -

In der vorletzten Ausgabe des „Durchblick� haben wir Sie informiert, was erforderlich ist, damit ein Bild scharf auf die Netzhaut trifft: Die Akkommodation und eventuell eine optische Grundversorgung mit Brillen oder Kontaktlinsen.
Woher kommt es aber, wenn man trotz eines scharfen Netzhautbildes nicht gut sieht?
Je größer ein Gegenstand ist, desto weiter entfernt können wir ihn noch erkennen. Irgendwann werden die Details dieses Gegenstandes immer unkenntlicher, bis wir schließlich nur noch einen Punkt in der Ferne wahrnehmen.
Die Netzhaut und das Auflösungsvermögen des Auges
Diese Tatsache hängt mit dem Auflösungsvermögen unseres Auges zusammen. Die Anzahl der Sinneszellen auf der Netzhaut am Augenhintergrund ist zwar sehr hoch, aber doch begrenzt. Die Anzahl der funktionierenden Sinneszellen bestimmt nun unsere Sehschärfe.
Entscheidend ist bei der Ermittlung der Sehschärfe die Größe des Gegenstandes und dessen Entfernung, also der Winkel, unter dem die Lichtstrahlen des Gegenstandes auf unsere Netzhaut auftreffen.
Die Sehschärfe
Ein gesundes Auge kann zwei Punkte in einem Abstand von ungefähr einer Winkelminute (= 1/60 Winkelgrad) noch getrennt erkennen. Liegt eine Sehbeeinträchtigung vor, muss dieser Winkel entsprechend größer sein. Ausgedrückt wird dieser Sachverhalt auf einem augenärztlichen Befund durch die Angabe der Sehschärfe bzw. mit dem Fachausdruck „
Visus�. Ein
Visus von 0,05 bedeutet beispielsweise, dass ein Gegenstand zwanzig mal so groß sein muss, damit ich ihn so gut erkennen kann, wie ein Normalsehender.
Gemessen wird die Sehschärfe mit verschiedenen Sehzeichen. Oft werden Tafeln mit Buchstaben oder Ziffern verwendet, die in einem regelmäßigen Verhältnis immer kleiner werden. Wir verwenden in unserer Beratungsstelle meistens Kärtchen mit einem offenen Ring, die gedreht werden, so dass die Öffnung jeweils in eine andere Richtung erfolgt. Dabei entferne ich mich mit dem Kärtchen immer weiter.
Der Klient muss die Richtung der Öffnung angeben und ich erkenne an Unsicherheiten oder Fehlern, dass die Sehleistung an eine Grenze gestoßen ist. Die Entfernung des Kärtchens vom Klienten wird dann gemessen und mit einer Normdistanz verglichen.
Die Sehschärfe gibt also einen Vergleichswert an. Wenn ein Zeichen, das von einem „Normauge� auf zehn Metern noch erkannt werden kann, von einer sehbehinderten Person erst auf zwei Meter richtig gesehen wird, liegt die Sehschärfe bei einem Fünftel oder 0,2. Gelegentlich wird die Sehschärfe auch in Prozent angegeben, was bedeuten würde, dass unser Klient eine Sehschärfe von 20% aufweist.
Diese Prozentangabe kann jedoch verwirrend sein, da es sich bei der Normangabe um einen durchschnittlichen Vergleichswert handelt. Wird unser Zehn-Meter-Kärtchen etwa noch auf zwanzig Meter richtig erkannt, liegt die Sehschärfe bei 200%. Und das klingt irgendwie doch merkwürdig.
Die Sehschärfe ist nicht in jedem Lebensabschnitt gleich hoch. Das Sehvermögen eines Säuglings muss sich erst entwickeln, während es im Alter wieder abnimmt, auch wenn keine besondere Augenerkrankung vorliegt.
Eine reduzierte Sehschärfe hat im Alltag große Auswirkungen: Natürlich können Betroffene nicht mehr Auto fahren. Sie erkennen Bekannte auf der Straße nicht mehr und haben Probleme beim Lesen. Unsere Aufgabe besteht darin, das vorhandene Sehvermögen als Potential zu sehen, das optimal ausgenützt werden soll.
Mag. Wolfgang Berndorfer
Tiroler Blinden- und Sehbehinderten-Verband
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