Aspekte des Sehens -
Menschen mit starken Sehbehinderungen werden oft gefragt, warum sie sich keine stärkeren Brillen zulegen. In diesem Beitrag möchten wir ein Verständnis dafür wecken, warum stärkere Brillen nicht jedem oder nur für bestimmte Einsatzbereiche helfen.
Mit einem Diaprojektor können wir Bilder auf eine Leinwand projizieren und betrachten. Zuvor muss allerdings das Bild scharf gestellt werden. Dazu wird das Objektiv des Diaprojektors gedreht und aus einer verschwommenen wird eine gestochen scharfe Abbildung. Selbst wenn das Gerät über einen Autofokus verfügt, ist eine Voreinstellung des Objektivs erforderlich, die von der Entfernung des Projektors zur Leinwand abhängt.
Die Netzhaut am Augenhintergrund kann mit dieser Leinwand verglichen werden. Von ihr aus werden die Seheindrücke an das Gehirn übertragen, allerdings eben nur so scharf, wie sie vom „Objektiv�, dem optischen Apparat des Auges, auf die Netzhaut abgebildet werden.
Der Augenlinse kommt dabei eine besonders wichtige Funktion zu: Nach einer „Grundeinstellung� durch eine Fernbrille wird durch eine Wölbung der Linse ein näher gelegener Gegenstand scharf auf die Netzhaut projiziert. Je näher wir z.B. beim Lesen ein Buch nehmen, desto stärker muss sich die Linse wölben, damit ein scharfes Netzhautbild entsteht. Diese Wölbung bzw. Naheinstellung der Linse wird mit dem Fachausdruck Akkommodation bezeichnet.
Akkommodation und Grauer Star
Wenn die Fähigkeit der Linse zur Naheinstellung beeinträchtigt ist, treffen die Lichtstrahlen nicht mehr scharf auf die Netzhaut. Bei einer Operation des Grauen Stars, einer Linsentrübung, wird die Augenlinse gänzlich entfernt und durch eine künstliche Linse oder eine Starbrille ersetzt. Diese sind allerdings unelastisch, weshalb Staroperierte für die Nähe eine zweite, stärkere Brille benötigen.
Alterung und Weitsichtigkeit
Doch nicht nur die Entfernung der Linse erfordert optische Lösungen. Jede Augenlinse unterliegt einem Alterungsprozess. Ihre Elastizität nimmt ab dem fünften Lebensjahrzehnt so weit ab, dass mit einer eigenen Nahbrille oder Bifokalbrille (Zweistärkenbrille) die Akkommodationsfähigkeit des Auges unterstützt werden muss. Man spricht in diesem Fall von Alterssichtigkeit oder Altersweitsichtigkeit.
Wenn wir einen Gegenstand näher nehmen, erhalten wir ein vergrößertes Netzhautbild. Diese Tatsache machen sich Sehbehinderte zu Nutze. Es erfordert allerdings eine besonders starke Akkommodation, die in der Regel durch eine Lupenbrille unterstützt wird.
In diesem Fall kann für Sehbehinderte eine stärkere Brille tatsächlich etwas helfen – allerdings nur im Nahbereich, wenn etwa die eigene Post in einem Abstand von weniger als 10 cm gelesen werden kann.
(Mag. Wolfgang Berndorfer)
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